Rauminstallation "Architektur und Freiheit"

"PUTTING ALLSPACE IN A NOTSHELL" (James Joyce)

by Hartmut Skerbisch & Manfred Wolff-Plottegg (schon 1969)

>>>>> Installation 2012 im Kunsthaus Graz


 

Für uns gibt es gewichtige Gründe theoretische Abhandlungen zu meiden.

Am 26 Jänner 1839 wurde eine Schrift Arthur Schopenhauers über die Freiheit von der Königlich Norwegischen Societät der Wissenschaften zu Drontheim mit einem Preis gekrönt. Auswirkungen haben sich in 130 Jahren nicht gezeigt. Auch alle Manifeste über Architektur versagen, da sie sprachliche Wucherungen sind, und nicht Architektur. In der Folge ergeben sich derartige Behauptungen wie "Flexibilität in der Architektur entspricht dem Verlangen nach Freiheit" oder "organische Bauformen organischen Lebensvorgängen". Solche Vereinfachungen haben mit Raumbildungen nichts gemein.

Wir können die Ansicht, dass Prognosenforschung geeigneter Rückhalt für Zukunftsplanungen sein könnte, nicht teilen. Wegen mangelnder Distanz zwischen Beobachter und Umwelt, ist jede Beobachtung ein Eingriff und verändert den behandelten Zustand. (Z. B.: Meinungsumfragen registrieren nicht Meinungen, die nach der Befragung noch gültig wären, sonddern bilden Umwelten.)

Aus der Beobachtung, dass sich Erkenntnisse der Wissenschaften nur wenig auf die gebaute Umgebung auswirken, muss man schließen, dass die wesentlichen Veränderungen nicht auf dem Gebiet des Bauens vor sich gehen. Umsetzung von Ergebnissen wird auf noch nicht vorhandene Technologien verschoben, Auswirkungen werden auf einem falschen Gebiet erwartet. Das macht es schwierig, sich ereignende Vorgänge zu erkennen, gegenwärtige Fragen mit vorhandenen Möglichkeiten zu lösen: Wir befinden uns in einer umfassenden, nicht schwerkraftgebundenen Umwelt, in der die Bautätigkeit nur mehr eine Nebenerscheinung ist.

Unser Beitrag zum Wettbewerb ist eine
Anordnung, die der Situation, in der wir jetzt leben entspricht.

Von einem festen Standpunkt aus befindet man sich in klaren Distanzverhältnissen zu Erscheinungen – sie zeigen sich in perspektivischen Größenordnungen.

Elemente wie sie in unserer Anordnung verwendet werden, heben perspektivisch geometrischen Raum auf. Es sind Elemente des täglichen Umgangs. Nicht das Größte oder Naheliegendste sondern das Intensivste wird zum Gegenstand unserer Erfahrung.

Das hier auftretende, von  der Wirklichkeit abgelesene Phänomen der Verschachtelung von Umwelten ist selbst Umwelt. Daher kommt es, dass die  Wirkung der Anordnung nicht vor, sonder bei der Benutzung bewusst wird.

Aus der allgemeinen Umgebung werden Bilder, Töne und Zeichen herausgelöst und zu einer Anordnung reproduziert. Sie laufen für den Benutzer zusammen; in ihrer Erscheinung zwar transformiert, jedoch in leicht erkennbaren Bezügen: wir befinden uns in einem Netz von Sachverhalten, dessen Information den Demonstrationsraum bildet. Dabei wird Masse (Materie) nur mehr für Geräte verwendet, die Sachverhalte für uns wahrnehmbar machen.

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RÄUMLICHE ANORDNUNG
gebildet durch Herstellen von Beziehungen mit Hilfe von

2 TV Kameras als Außenstation
2 Bildröhren
Lautsprechern mit Aussendungen des ORF
zwei Glasflächen
Buchstaben
einer Lichtbildprojektion
bei Verbrauch von elektrischer Energie.

Auf eine begehbare Ebene sind zwei Glasflä-
chen gestellt, die eine spiegelnd, die andere durchsichtig.
Aussendungen des ORF sind mit 40 Phon hörbar.
Zwei Bildröhren zeigen einen Ausschnitt der Stadt.
Lautsprecher und Bildröhren sind aus den Empfangs- und Trans-
formationsgeräten herausgelöst.

Auf einem feinmaschigen Netz ist eine Lichtbildprojektion von
von beiden Seiten sichtbar.
Buchstaben auf dem Spiegel bilden den Satz:
PUT ALLSPACE IN A NOTSHALL.  James Joyce

Für einen Besucher können alle Gegenstände und er selbst im
Spiegel erscheinen.
Die Anordnung ist von allen Richtungen her zugänglich.
Sie kann ein- und ausgeschaltet werden.

Diese räumliche Anordnung entspricht einem Plan für
direkt nicht wahrnehmbare Um
weltbeziehungen und Einflüsse.

69102a.jpg (60486 Byte)

 

Wir wollen in der Anordnung Anschlüsse an das Netz von Sachverhalten der erfassbaren Welt ermöglichen.

Für uns ist Umwelt der augenblickliche Anschlusspunkt, das gegenwärtige Erlebnisfeld. Erscheinungen von den Sinnen nähergebracht und alle Vorstellungen. Hautnahe Dinge, auch Übertragungen elektronischer Medien von weit her. Facetten des gesamten Raumes vom einzelnen aufgefangen und zusammengefügt. Der Benutzer soll erkennen können, dass er durch die künstlicheUmwelt der Anordnung Umwelt umfassender erfahren kann.

Es gibt keine Frage, befindet man sich in ursprünglicher Bindung an die Umwelt. Diese direkte Beziehung wird gelöst, sobald man zu denken beginnt, spricht, Planungen anstellt u. ä. Bei der Loslösung entstehen Bilder (nicht von der Umwelt, sie sind jedoch selbst Umwelt). Man steht nicht nur mit der bisherigen Umwelt allein in Beziehung, sondern auch mit einem Bild, das seinerseits eine eigenständige Entwicklung hervorruft. In der Ebene von Bildern entstehen Probleme, die außerhalb der Ebene nicht existieren. Sie sind Scheinprobleme.

Architektur, Freiheit, Dauer

Freiheit kann weder definiert, noch mittels Dingen dargestellt werden – alle Versuche enden im Determinismus, womit Freiheit gerade verdrängt wird.
Freiheit ist jederzeit und allerorts möglich – Architektur kann diesen Sachverhalt nicht ändern.
Darstellungen haftet an, nicht das Darzustellende zu sein, sondern hauptsächlich ein Ausdruck der eigenständigen Automatik der gewählten Darstellungsart. Planungen sind ihrer Art nach Darstellungen; sie eliminieren Dauer.
Freiheit sowie Zukunft sind nur unmittelbar erlebbar. Sie können nicht wahrgenommen werden. Es wird klar, dass sie nicht Phänomende
des Raumes sind.

Zukunft und Freiheit fordern ein offenes System:

Eine effektive Handlung in der Umwelt ist in der Ebene eines Bildes nicht möglich. Die gesamte Umwelt mit Hilfe von Bildern in die Zukunft entfalten, kann nicht durch eine eigenständige Entwicklung der Bilder geschehen (es sei denn, die Bilder wären ein Duplikat der Umwelt).

Freiheit ist dem Wesen nach ein intensives Phänomen. Jede Verräumlichung lässt Freiheit und Möglichkeiten degenerieren. Freiheit kann nicht als Bild bestehen


 

  

 

Flugblatt

Die Ausschreibung zum Ideenwettbewerb trigon 69 offenbart völlige Verwirrung gegenüber dem Thema "Architektur und Freiheit" – sie ist eine Anhäufung von beliebigen Begriffen, mit denen Situationen gelöst werden wollen: "realisierbare Freiheit durch Architektur", "Freiheit des Menschen als Individuum und in der Gesellschaft", "begrenzte Utopie der Zukunft", "Grenzen und Bedingungen der Freiheit", "Architektur und bla, bla, bla, …" Dies wird als geistige Voraussetzung und Ausgangspunkt bezeichnet – auf diese Weise muss Zukunft ja zum Angst- und Traumbild werden.
In unserem Beitrag zum Wettbewerb haben wir auf derartige Unsinnigkeiten hingewiesen und stellen nochmals fest:
Freiheit kann weder definiert , noch mittels Dingen dargestellt werden, alle Versuche enden im Determinismus – womit Freiheit gerade verdrängt wird.
Freiheit ist jederzeit und allerorts möglich – Architektur kann diesen Sachverhalt nicht ändern.
Darstellungen haftet an, nicht das Darzustellende zu sein, sondern hauptsächlich ein Ausdruck der eigenständigen Automatik der gewählten Darstellungsart. Planungen sind ihrer Art nach Darstellungen. Ihr Wesen ist es, die wahre Natur der Zeit zu eliminieren.
Freiheit sowie Zukunft sind nur unmittelbar erlebbar. Sie können nicht wahrgenommen werden. Es wird klar, dass sie nicht Phänomene des Raumes sind.
Durch geistige Fehlleistungen, die diesen einfachen Überlegungen nicht Rechnung tragen, entsteht eine künstliche Problematik, die zu Wucherungen von Darstellungen aller Art führt. Und damit begnügt sich trigon 69.

Hartmut Skerbisch, Manfred Wolff-Plottegg
AZ 2, Rechbauerstr. 12, 8010 Graz


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